Das Logenhaus an der St.-Annen-Straße
Vor dem Bezug des heutigen Hauses 1861 hatte die Loge zum Füllhorn fast neunzig Jahre lang an wechselnden Orten in Lübeck gearbeitet. Mit dem Erwerb des Grundstücks an der St.-Annen-Straße begann eine Geschichte, die bis heute andauert: die eines Hauses, das Kriege, eine Bombennacht und eine Zwangsverwaltung überstanden hat — und das heute als gemeinsames Logenhaus von neun Lübecker Logen fortwirkt.
Die Vorgeschichte — von der Lachswehr bis zur Mengstraße
Am 31. Oktober 1772 — wenige Monate nach der ersten Arbeit im Gasthof „Zum großen Christopher" am Kohlmarkt — wurde die junge Loge auf der Lachswehr feierlich eingeweiht. Die Lachswehr blieb für die ersten Jahrzehnte die Heimat der Brüder. 1834 zog die Loge in ein Gebäude an der Mengstraße 7. Erst ein Vierteljahrhundert später entschied sich der Bund für ein eigenes Haus.
Der Erwerb 1860 — eine Stiftung des Hofrats Leithoff
Den entscheidenden Schritt ermöglichte Bruder Hofrat Dr. Leithoff. Er erwarb 1860 das Grundstück an der St.-Annen-Straße und übergab es der Loge. Am 4. Dezember 1861 wurde das Haus erstmals festlich bezogen.
Die räumliche Nähe zum Burgtor, zum Heiliggeist-Hospital und zum Kern der Hansestadt war kein Zufall: Die Loge zum Füllhorn verstand sich von Anfang an als eine bürgerliche Bruderschaft im Herzen Lübecks, nicht abseits der Stadt.
1879 — die erste Erweiterung mit der Andreasloge „Caritas"
Schon zwei Jahrzehnte nach Bezug genügte das Haus den Anforderungen nicht mehr. 1879 wurde es erweitert — gemeinsam mit der Andreasloge „Caritas", die sich der Füllhorn-Tradition angeschlossen hatte. Aus dem Wohnhaus wurde ein Logenhaus mit Festsaal, Vorsaal, Speiseräumen und allen Räumen, die für die Arbeiten und das gesellige Leben einer Bruderschaft erforderlich sind.
1914–1918 — Lazarett des Roten Kreuzes
Während des Ersten Weltkriegs stellte die Loge ihr Haus dem Roten Kreuz zur Verfügung. Das Logenhaus wurde Lazarett — ein Vorgriff auf das, was im 20. Jahrhundert noch zur Selbstverständlichkeit der Lübecker Loge werden sollte: das Haus nicht nur als geschützten Rückzugsort der Bruderschaft, sondern als Beitrag zur Stadt zu begreifen.
1942 — die Palmarumnacht
In der Nacht vom 28. auf den 29. März 1942 — Palmsonntag — zerstörte ein britischer Luftangriff weite Teile der Lübecker Innenstadt. Marienkirche, Petrikirche, das Heiliggeist-Hospital, ganze Straßenzüge der Altstadt brannten aus.
Das Logenhaus an der St.-Annen-Straße überstand die Nacht.
In einer Stadt, in der so viel verloren ging, war diese Tatsache nicht selbstverständlich. Das Haus stand — auch wenn es zu diesem Zeitpunkt nicht der Loge gehörte: Sieben Jahre zuvor, 1935, war die Loge zum Füllhorn wie alle Freimaurerlogen Deutschlands aufgelöst und ihr Vermögen einbezogen worden. Dass das Haus die Bombennacht überstand, sollte sich nach dem Krieg als entscheidende Voraussetzung für den Wiederaufbau erweisen.
1. April 1950 — die Rückgabe
Am 1. April 1950 erhielt die Loge ihr Haus zurück. Es war eine bauliche Substanz, die im Krieg gestanden hatte, aber Pflege brauchte. Die Brüder der Nachkriegsgeneration nahmen die Aufgabe an.
1961–1962 — die Wiederherstellung
Die eigentliche Wiederherstellung des Festsaals und der Logenräume geht auf die Jahre 1961 und 1962 zurück. Federführend waren die Brüder Dingeldey und Redelstorff. Sie gestalteten den Festsaal in einer Form, die bis heute fortwirkt — einschließlich des gestirnten Himmels über dem Saal, der das ältere Erscheinungsbild der Decke aufnahm.
Wer den Festsaal heute betritt, bewegt sich in Räumen, die in dieser Gestalt seit über sechzig Jahren stehen.
Heute — neun Logen unter einem Dach
Das Logenhaus an der St.-Annen-Straße 2 ist heute Sitz von neun aktiven Logen. Neben den drei Lübecker Johannislogen — Zum Füllhorn, Zur Weltkugel und Zur Weltbruderkette — arbeiten hier Andreaslogen und weitere Bünde der verschiedenen Lehrarten. Das Haus wird gemeinsam getragen und gemeinsam erhalten.